Alexei Borissowitsch Miller

Alexei Borissowitsch Miller, Vorstandsvorsitzender OAO Gazprom

35 Jahre sichere Versorgung

Ein Gespräch mit Alexei Miller, Vorstandsvorsitzender des russischen Gazprom-Konzerns.

35 Jahre Erdgas aus Russland – was bedeutet das Jubiläum für Gazprom?

Dieses Jubiläum ist ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Gesellschaft und ihrer Partner. In den vergangenen 35 Jahren haben wir mit deutschen Gasgesellschaften stabile und belastbare Beziehungen im Energiebereich aufgebaut. Deutschland ist unser größter Exportmarkt, und seine Rolle als Energiedrehkreuz für die Region Nordeuropa wird mit der Inbetriebnahme der Nord-Stream-Pipeline noch weiter steigen. Dieses Jubiläum hat eine sehr große Bedeutung für Gazprom, da die Beziehungen mit den Partnern aus der Bundesrepublik Deutschland unseren geschäftlichen Erfolg begründen, heute und in der Zukunft.

mehrere Personen sitzen an einem Tisch und unterzeichnen einen Vertrag

Meilenstein: Der Erdgas-Röhren-Vertrag wurde am 1. Februar 1970 in Essen unterzeichnet.

Was waren die schwierigsten Aufgaben und schwersten Augenblicke?

Ich möchte daran erinnern, dass unsere Zusammenarbeit ganz zu Anfang als Erdgas-Röhren-Geschäft bezeichnet wurde. Dies war eine Epoche der offenen ideologischen und militärisch-politischen Konfrontation zweier gesellschaftlicher Systeme, in der jeder Schritt der Zusammenarbeit von Vertretern der einander feindlich gegenüberstehenden Blöcke riesige Anstrengungen erforderte. Ich vermute, dass die Geschichte der Länder Ost- und Westeuropas, Europas und Russlands anders verlaufen wäre, wenn nicht vor 35 Jahren die historische Entscheidung über die Zusammenarbeit gefallen wäre. Die Führer unserer Länder haben Weisheit und die Fähigkeit zur Weitsicht bewiesen, wodurch die Energiewirtschaft Deutschlands, ja ganz Europas, einen zuverlässigen Partner und Energielieferanten für viele Jahrzehnte im Voraus gefunden hat.

Heute, wo ernsthafte politische Reibungen einem konstruktiven Dialog und freundschaftlichen Beziehungen gewichen sind, muss sich auch die Zusammenarbeit im Gasbereich zwischen Russland und Deutschland erfolgreich weiterentwickeln.

Welche Projekte der Zusammenarbeit über die reinen Erdgaslieferungen hinaus sind Ihrer Meinung nach besonders wichtig?

Einer der Schwerpunkte unserer gemeinsamen Arbeit war die Entwicklung der technologischen Zusammenarbeit sowie die Umsetzung sozialer und kultureller Programme. Schon 1997 haben Ruhrgas und Gazprom das weltweit erste Projekt zur Senkung von Treibhausgas-Emissionen im Gasbereich umgesetzt, das mit einer ganzen Reihe internationaler Auszeichnungen bedacht wurde. Die heute in der Umsetzung befindlichen Projekte im Umweltschutz und in der Energieeinsparung sind auf die Optimierung der Gastransportprozesse in der Russischen Föderation, die Senkung der Emissionen durch Monitoring im Rohrleitungsnetz der Gazprom und auf  Untersuchungen im Bereich der Dehydrierung von Gas ausgerichtet. Und dies ist nur ein kleiner Teil der gemeinsamen Arbeiten. Zurzeit wird das Programm für die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit für den nächsten Arbeitszeitraum 2009-2010 erstellt. Ich denke, neue zukunftsträchtige Projekte werden einen hohen praktischen Wert sowohl für die russische als auch für die deutsche Seite haben.

Werden die Gasvorräte in Russland auch unter Berücksichtigung der wachsenden Nachfrage auf dem Weltmarkt ausreichend sein?

Zur Befriedigung der wachsenden Nachfrage wendet Gazprom beträchtliche Mittel für den Abbau neuer Fördergebiete, neue Gaslieferstrecken, Lagerstätten und Gasverteilerstellen in ganz Europa auf. Allein in diesem Jahr planen wir dafür über 32 Milliarden Dollar aufzuwenden. Für 2009 erwarten wir eine Steigerung unseres Investitionsumfangs auf 39 Milliarden Dollar. Dies ist mehr als die prog nostizierten Zahlen für den Aufwand anderer großer internationaler Energiegesellschaften. Heute ist Gazprom schon die weltweit größte Gasfördergesellschaft. Aber wir erhöhen ständig sowohl die Fördermengen für Erdgas als auch den Erschließungsumfang  unserer Vorräte – und wir setzen uns ehrgeizige Wachstumsziele für die Zukunft.

Angesichts der Ressourcenbasis von Gazprom können wir mit absoluter Sicherheit sagen, dass unser Haus in der Lage ist, auch künftig allen Gaslieferverpflichtungen für die Märkte Deutschlands und Europas nachzukommen, die für deren wirtschaftliche Entwicklung erforderlich sind. So haben wir unlängst die langfristigen Gaslieferverträge mit Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und anderen Ländern verlängert.

Gazprom-Konzern-Zentrale in Moskau

Gazprom-Konzern-Zentrale in Moskau

Wie sehen Sie den Gasmarkt und die Zusammenarbeit von Gazprom und E.ON Ruhrgas in 10 Jahren?

Ich denke, dass der Gasmarkt von zwei entscheidenden Faktoren bestimmt wird. Der erste ist die weltweit wachsende Nachfrage nach Energieträgern. Und der zweite ist die Endlichkeit der zugänglichen Ressourcen. Die Weltwirtschaft braucht immer mehr Energie. Es entstehen neue Wirtschaftsmächte mit einem hohen Niveau des Wirtschaftswachstums und wachsendem Bedarf an Energie. Es wächst die Binnennachfrage in den Energieerzeugerländern. Für Europa bedeutet dies ein ernsthaftes Überdenken der eigenen Rolle auf dem Weltgasmarkt. Allerdings bleibt Europa für Gazprom der wichtigste Markt, dies sind 500 Millionen Verbraucher und eine entwickelte Wirtschaft, eine gut vorhersagbare Nachfrage, eine umfassende Infrastruktur und ein System fester partnerschaftlicher Beziehungen. Was die Zusammenarbeit zwischen Gazprom und E.ON betrifft, so bedeutet dies, dass es eine Menge Chancen für die Entwicklung unserer Beziehungen über die gesamte Gaslieferkette mit dem Ziel der Befriedigung der internationalen Nachfrage sowie einer Verbesserung unserer gemeinsamen Arbeit über neue Umwelt- und Technologielösungen gibt. Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam noch viel tun können.

Alexei Borissowitsch Miller

46, ist Vorstandsvorsitzender des russischen Gazprom-Konzerns (OAO Gazprom). In seiner Geburtsstadt Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, studierte Miller von 1979 bis 1984 am Wosnesenski Institut für Finanz- und Wirtschaftswissenschaften, an dem er 1989 promovierte. 1990 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Finanz- und Wirtschaftsinstitut in Leningrad und anschließend Abteilungsleiter im Komitee für Wirtschaftsreformen in der Leningrader Stadtverwaltung. Zwischen 1991 und 1996 war er Mitglied im Komitee für Außenhandelsbeziehungen in Leningrad, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender. Von 1996 bis 1999 war er Direktor für Entwicklung und Investitionen im Hafen von St. Petersburg, anschließend Generaldirektor des Baltic Pipeline Systems. Im Jahre 2000 wurde Alexei Miller zum stellvertretenden Energieminister Russlands ernannt, bevor er 2001 zum Gazprom Vorstandsvorsitzenden bestellt wurde.

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