Sibirien, das klingt nach klirrender Kälte, nach Entbehrung und Einsamkeit. In Russland aber ist es auch der Inbegriff für Grenzenlosigkeit und unermesslichen Reichtum an Bodenschätzen. Als Gott seine Schätze über der Erde verteilte, sind ihm über Sibirien die Hände gefroren und da fiel das Erdgas in die endlosen Weiten herab. So will es die Fantasie der Geschichtenerzähler.
Am Polarkreis, in der Wildnis der Tundra, wo tausendmal mehr Wölfe, Bären, Füchse und Rentiere als Menschen leben, schlägt das Herz der russischen Gasindustrie. Ein riesiges Gebiet von 3,8 Millionen Quadratkilometern, etwa die elffache Fläche Deutschlands. Acht Einwohner pro Quadratkilometer beträgt die Bevölkerungsdichte in Russland, hier im äußersten Norden ist es nur noch einer.
In Westsibirien, auf der Tazovskiy-Halbinsel, die zusammen mit der weiter westlich gelegenen Jamal-Halbinsel den Fluss Ob bis zur Mündung in die Karasee säumt, liegen die ergiebigsten Erdgasfelder Russlands und ein Viertel der Welt-Gasreserven. Menschen aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion sind hier in der Gas- und Ölindustrie beschäftigt, an die 40 Nationalitäten. Die westsibirischen Fördergebiete Jamburg und Urengoy bilden auch das Rückgrat der russischen Erdgasexporte nach Westeuropa. An der gesamten russischen Erdgasförderung haben diese beiden Förderregionen einen Anteil von etwa 58 Prozent. Etwas südöstlich davon liegt die neu erschlossene Lagerstätte Yushno Russkoje.
Jamburg bedeutet „Stadt am Ende der Welt“. Vor 20 Jahren wurde sie für die Gasindustrie gegründet und zählt heute 14 000 Bewohner, die alle irgendwie vom Gas leben. Der Winter beginnt hier meist schon im September. Fast zehn Monate herrscht dann eine Durchschnittstemperatur von 26 Grad unter null, mit Tiefpunkten bis minus 50 Grad und mehr. Dann sehen die Gebäude, die Leitungsmasten, Straßenlampen und Rohre aus, als seien sie aus dem Tiefkühlfach gezogen. Denn die Häuser, Industrieanlagen und Autos erzeugen Wasserdampf, der alles und jedes mit Reifkristallen umhüllt. Bei minus 56 Grad gefriert sogar der Atem zu einer knisternden Wolke aus Eiskristallen, von den Einheimischen „Sternflüstern“ genannt.
Die Nordküste Sibiriens mit den „Perlen der russischen Arktis”, den Inseln in der kalten Barents- und Karasee, ist die Welt der Eisbrecher und Eisbären. Wie lange noch? Denn das Klima im Norden Sibiriens verändert sich rapide. Klimaforscher sprechen schon von eisfreien Meeren im Sommer um den Nordpol bis in die Jahre 2100.