Detailaufnahme Bernsteinarbeiten

Die zweite Geburt des Bernsteinwunders - Erinnerungen eines Augenzeugen

von Dr. Burkhardt Göres

Die Geschichte der Entstehung, des Verlustes und der Neuschöpfung des legendären Bernsteinzimmers ist für mich mit sehr persönlichen Erinnerungen verbunden. Als Kunsthistoriker, der seine berufliche Laufbahn als Volontär und Museumsassistent in den Schlössern von Sanssouci begonnen hatte, verfolgte ich die Entwicklung des Wiederaufbaus der berühmten einstigen Zarenresidenzen in der Umgebung von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, mit besonderer Aufmerksamkeit bereits bevor ich 1967 das erste Mal  in den Katharinenpalast von Zarskoje Selo kam. Die Schlösser in Pawlowsk, Peterhof und Puschkin wurden seitdem neben der Eremitage zu einem jährlichen „Wallfahrtsort“, gab es doch kaum ein spannenderes und begeisternderes Erlebnis für jemanden wie mich, der seit seiner Jugend Schlösser zum Ziel seiner Studien erwählt hatte und im Bombenhagel der Zerstörung geboren war, den Wiederaufbau und die Restaurierung der durch den Krieg zerstörten weltberühmten Schätze mit eigenen Augen verfolgen zu können.

Durch Vermittlung von Kollegen der Eremitage lernte ich 1969 Anatoli Kutschumov, den Hauptkustos von Pawlowsk kennen, der vor 1945 Mitarbeiter in der Schlösserverwaltung von Zarskoje Selo gewesen war und schon 1946 die Suche nach dem Bernsteinzimmer aufgenommen hatte, das 1941 vom Kunstschutz der Wehrmacht aus dem Katharinenpalast nach Königsberg entführt worden war. Ich berichtete ihm von einem Fund bei einem Praktikum in der Berliner Gemäldegalerie auf der Museumsinsel. In dem mir in die Hände gefallenen Brief teilte der Direktor der Kunstsammlungen der Stadt Königsberg, Dr. Alfred Rohde, nach den beiden ersten großen britischen Bombenangriffen auf Königsberg im August 1944 dem Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Prof. Ernst Zimmermann mit, dass die Miniaturen-Leihgaben der Berliner Galerie mit den Kostbarkeiten der eigenen Sammlungen in einem Hochbunker wohlerhalten und auch das Bernsteinzimmer zum größten Teil unversehrt ist, während des Brandes seien lediglich einige Paneele zerstört worden. Erst im Frühjahr 1945 verloren sich dann seine Spuren.

Auf Bitte von Kutschumov besorgte ich ihm für Nachforschungen in Kaliningrad aus der Berliner Staatsbibliothek die Fotokopie eines modernen Stadtplans von Königsberg aus dem Jahre 1942. Später konnte ich ihm ein wie durch ein Wunder erhaltenes brillantes Foto der Aufstellung des Bernsteinzimmers in Königsberg übergeben, das mir von Prof. Margarete Kühn, Direktorin der West-Berliner Schlösserverwaltung zugeschickt worden war.

1979 hatte dann die Sowjetregierung den offiziellen Beschluss über die Nachschöpfung des Bernsteinzimmers gefasst und ich hatte 1980 das Glück in einer der Petersburger Mansardenwerkstätten eine Gruppe junger Restauratoren kennen zu lernen, die sich das kühne Ziel gesetzt hatten, das „Achte Weltwunder“ neu zu erschaffen. Ein Jahr später hatten sich die Restaurierungswerkstätten der Schlösserverwaltung von Zarskoje Selo um eine weitere vermehrt, wo von nun an in mühevoller Arbeit das „Neunte Weltwunder“ entstand. Bei jedem weiteren Besuch in Zarskoje Selo wurde ich Zeuge neuer Erfolge bei der Realisierung dieser Riesenaufgabe, bei der vor allem die künstlerische Qualität der Arbeit, die weit über den Rahmen einer guten handwerklichen Ausführung hinausging, aber auch gleichzeitig der streng verfolgte wissenschaftliche Ansatz überzeugte. Die Restauratoren werteten die Fotodokumentation mit größter Sorgfalt aus, schufen Probemodelle in Plastilin und Gipsabgüsse, bevor sie an die Übertragung in das kostbare Bernsteinmaterial gingen und gestatteten sich keine künstlerischen Freiheiten. Treibende Kraft auf diesem langen Weg über Jahrzehnte war Alexander Kedrinski, der leitende Architekt für den Wiederaufbau des Katharinenpalastes, unter dessen Ägide schon das Deckengemälde, der kostbare Intarsienfußboden und die vergoldeten Holzbildhauerarbeiten des Raumes rekonstruiert worden waren.

Von den Einzelheiten, den Erfolgen und Schwierigkeiten der Arbeit hörte ich nun regelmäßig von meinen alten Freunden, die zu den Gründungsmitgliedern der Werkstatt gehörten: Alexander Shurawlow, der sie über anderthalb Jahrzehnte leitete, den erfahrenen Vertreter der älteren Generation Albert Vanin und den damals noch ganz jungen Virtuosen seines Faches Alexander Krylow, der heute für die Qualität der künstlerischen Ausführung der Arbeiten verantwortlich ist. Das erste Gesamtmodell des Bernsteinzimmers, das Krylow während der Arbeit am Bernsteinzimmer in seiner Freizeit schuf, ist heute das Herzstück der Berliner Sammlung „Aricalex“, die Modelle historischer Bauten präsentiert, und ein Symbol der hohen Meisterschaft der russischen Bernsteinrestauratoren.

Die Schwierigkeit und die Globalität der Aufgabe wurde den Meistern schon während der Arbeit an dem ersten verkleinerten Modell einer Wand des Zimmers bewusst - hier ging es nicht um eine Kopie im üblichen Sinne, bei der die Möglichkeit des ständigen Vergleichs der Kopie mit dem Original besteht. Bei der Nachschöpfung ist der Restaurator, ähnlich wie die ursprünglichen Schöpfer, vor allem auch als Künstler gefordert. Bevor die Möglichkeit der Nutzung der Fotogrammetrie das Problem löste, war die Feststellung der Höhen und Tiefen der Profile lediglich durch Probemodelle zu ermitteln, aber die Feinheit des bildhauerischen Umgangs mit jeglichen Arbeiten dieser Art ist vor allem immer eine Sache des künstlerischen Feingefühls der Meister.

Die erste Verantwortung für die schwierigsten bildhauerischen Details, geformt aus Plastilin, lag in diesen zwanzig Jahren in den Händen der erfahrenen Modelleurin der Werkstatt Jekaterina Anosina und ihres später verunglückten Sohnes. Die Bernsteinschneider ihrerseits, erschlossen sich die Geheimnisse ihrer aufwendigen Arbeit durch die Restaurierung historischer Bernsteinarbeiten aus verschiedenen Museen. Besonders bedeutend in dieser Hinsicht war die Restaurierung einer großen Bernsteinschatulle, an der die Signatur von Gottfried Thurau, einem der Schöpfer des Bernsteinzimmers entdeckt werden konnte. Das Kopieren verschiedener Vorbilder aus Museen schulte Augen und Hände. Das Studium alter Rezepte ermöglichte Versuche und Vergleiche. Durch die Gegenüberstellung alter schwarz-weiß Fotografien mit Aufnahmen von neu geschaffenen Bernsteinteilen des Zimmers kam man auch den ursprünglichen Tönen der Täfelung immer näher. Durch das Erwärmen und Sieden der einzelnen Bernsteinplättchen in einer speziellen Mischung konnte man dann jeden gewünschten Farbton erreichen und kam auf diesem Wege zu einer maximalen Annäherung an das historische Vorbild. Poliert, nummeriert und untereinander angepasst,  wurden die Bernsteinteile, ausgeführt aus dem gleichen, in der Nähe des ehemaligen Königsbergs gewonnenen Bernstein, den vor 300 Jahren die Schöpfer des verlorenen Bernsteinzimmers nutzten, mit einer in der Werkstatt speziell entwickelten Klebemasse auf die hölzernen Trägerplatten aufgebracht. Die häufige Anwendung von Gravuren mit unterlegten Folien und das Relief der plastischen Teile bereichern auf ihre Weise die farbliche und bildhauerische Spannbreite des Bernsteinmaterials, das schon von Natur aus in seinen Farbabstufungen außerordentlich reich und vielfältig ist.

Die erste Arbeit, der sich die Restauratoren zuwandten, waren die Sockelpaneele, die auch als erste ihren angestammten Platz in dem Raum des Palastes einnahmen, wo seit 1755 das Original erstrahlte. Dann begannen die Arbeiten an den großen Panneaux mit den aufgesetzten Rahmen. Die Maßstäbe der Aufgabe führten zu einer bedeutenden Erweiterung der Werkstatt, die nicht nur weitere talentierte Bernsteinrestauratoren sondern auch Steinschneider für die Mosaike aufnahm.

Und dann brach die Perestroika aus. Wenn man jetzt einerseits freier atmen konnte, wurde das Leben andererseits gleichzeitig viel schwieriger und die ideellen Großprojekte, deren Finanzierung früher der Staat garantiert hat, verloren unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft ihren wichtigsten Träger. Ungeachtet der Bemühungen des Generaldirektors der Museen von Zarskoje Selo, Prof. Iwan Sautow, drohte die Arbeit der Bernsteinwerkstatt wegen fehlender Mittel ganz zusammenzubrechen. In dem Wunsch die Werkstatt auf  irgendeine Weise  zu unterstützen, organisierte ich den Auftrag zur Restaurierung von zwei Bernsteinobjekten der Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen, doch derartige vereinzelte „Rettungsaktionen“ konnten die allgemeine kritische Situation nicht verändern.

Grundlegend wurde diese erst durch die reale Rettungsinitiative des in Russland stark engagierten deutschen Ruhrgas-Unternehmens (jetzt E.ON Ruhrgas AG) Essen verändert, das 1999 aus Anlass seines Firmenjubiläums den Beschluss fasste, das Schicksal des neuen Bernsteinwunders unter seine Patenschaft zu nehmen und die Finanzierung der Wiedergeburt des Bernsteinzimmers bis zur Vollendung zum Jubiläum St. Petersburgs im Jahre 2003 zu sichern. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Wiedergewinnung des Bernsteinzimmers, war ich nun glücklicher Zeuge einer doppelten Belebung: der intensiven Arbeit an der Täfelung des Bernsteinzimmers und der Werkstatt in Zarskoje Selo mit ihren unübertroffenen Meistern und dem einmaligen schöpferischen Potenzial.

Was das Original des verschollenen Bernsteinzimmers betrifft, brachten die letzten Jahre nicht nur neue Spekulationen über mögliche Fundorte, sondern echte Sensationen. Eines Tages teilte mir der Potsdamer Polizeipräsident  vertraulich mit, das ein angeblich originales Florentiner Mosaik aus dem Bernsteinzimmer, von Kaiserin Elisabeth nach 1755 in Täfelung eingefügt, unter verdächtigen Umständen in Bremen angeboten wird. Meine Aufgabe dabei war die Feststellung, ob es sich tatsächlich um ein Original handelt. Das erste wovon ich mich bei meinem nächsten Besuch in der Bernsteinwerkstatt jedoch überzeugen konnte, war der Umstand, dass eine ausgezeichnete Nachschöpfung fast fertig auf der Werkbank lag. Um der Bestimmung des Mosaiks in Bremen gewappnet zu sein, empfing ich gute Ratschläge der Steinschneider-Restauratoren und mit Detailvergrößerungen alter Fotoaufnahmen dieses Mosaiks versorgte mich die stellvertretende Direktorin Larissa Bardowskaja.

Im Verlauf der dann unter der Leitung von Peter Schultheiß von der Potsdamer Kriminalpolizei vorgetäuschten Kaufaktion in Bremen konnte ich mich von der Authentizität des Mosaiks überzeugen, was zu seiner sofortigen Beschlagnahme und später zur feierlichen Übergabe von Seiten der Bundesregierung an die russische Regierung führte. Zusammen mit dem Mosaik kehrte auch eine Kommode, die vor dem Zweiten Weltkrieg im Bernsteinzimmer gestanden hatte und in einer deutschen Privatsammlung wiederentdeckt worden war, zurück. Als das Bundesministerium des Innern sich mit der Bitte an mich wandte, die Herkunft der Kommode zu bestätigen, was nicht schwer war, war doch allen Beteiligten klar, dass diese für sich selbst wichtigen Funde die Suche nach dem Original des Bernsteinzimmers keinen Schritt vorwärts bringen konnten, da die Kommode dazu keine Beziehung hatte und das Mosaik, wie sich herausstellte, bereits von einem Offizier der Wehrmacht gestohlen worden war, bevor das Bernsteinzimmer in Königsberg eintraf.

Aber wenn das leidvolle Schicksal  des Bernsteinzimmers während des Krieges in vielem noch ein Rätsel bleibt, so hat sich die abenteuerliche Geschichte seiner Entstehung in seiner ersten Heimat in Preußen für mich immer deutlicher umrissen und sich allmählich von traditionell überlieferten Fehlern und falschen Interpretationen befreit, als ich mich speziell dem vergleichenden Studium der archivalischen  und grafischen Quellen zuwandte. So konnte festgestellt werden, dass nicht der berühmte Andreas Schlüter, wie dies bisher angenommen wurde, sondern sein bedeutender Konkurrent  Johann Friedrich Eosander Urheber des Projektes war, das zunächst für das königliche Schloss Charlottenburg, aber später für die Residenz Friedrichs I. in Oranienburg in erweiterter Form geplant war. Auch der tatsächliche Weg der fertigen Wände konnte in Berlin verfolgt werden. Im Verlauf von zwölf Jahren von den Bernsteindrehermeistern Gottfried Wolffram, Gottfried Thurau und Ernst Schacht geschaffen, wurden sie erst 1713 aus der Rüstkammer im Marstall (und nicht dem Zeughaus, wie die immer behauptet wurde) in das Berliner Schloss zur Täfelung des Tabakskollegiums Friedrich Wilhelms I. überführt. Doch schon drei Jahre später wurde sie erneut demontiert, um als kostbares Geschenk an Peter I., das nach den Worten des Zaren, „schon lange gewünscht wurde“, den Weg in das ferne Russland anzutreten.

Schon lange wünschten auch alle, denen das künstlerische Erbe der Vergangenheit am Herzen lag, die Rückkehr des „Achten Weltwunders“ in seine zweite Heimat nach Zarskoje Selo. Und wenn die Aussichtslosigkeit dieser Hoffnung mit den Jahren immer deutlicher wurde, so können wir uns jetzt überzeugen, dass das neue Bernsteinwunder, das wir aus den Händen der talentierten heutigen russischen Meister empfangen, in keiner Weise seinem Vorbild nachsteht und ohne Zweifel die Bezeichnung eines Weltwunders verdient, unabhängig von dem Platz, welchen ihm die dankbaren Zeitgenossen und ihre Nachkommen zuweisen. Die historische Bedeutung der einzigartigen Initiative der Ruhrgas AG unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Späth und dem Mitglied des Vorstandes Achim Middelschulte, dem die Idee und die Durchführung verdankt wird, ist in diesem Licht nicht zu überschätzen.

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