von Prof. Dr. Wolfgang Eichwede, Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland kennt tiefe Widersprüche. In Europa finden sich kaum zwei andere Völker, die sich in ihrer Kultur so nah, ja verwandt zueinander definieren wie Russen und Deutsche. Und sich dennoch - zumal im 20. Jahrhundert - so tief und so bitter verletzt haben. Ob gekrönte Häupter oder Revolutionäre, ob Dichter oder Künstler - viele haben voller Bewunderung auf das andere Land geschaut und in ihm einen Teil der eigenen Identität gefunden. Sie alle konnten nicht verhindern, dass sich die beiden Staaten Kriege und Zerstörungen geleistet haben, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen. Für den Zweiten Weltkrieg liegt die Verantwortung auf deutscher Seite.
Das Bernsteinzimmer und sein ungewöhnliches Schicksal können für alle Dimensionen zitiert werden. Insofern kommt seiner Wiederherstellung in diesen Tagen eine Bedeutung zu, die nicht nur weit in die Geschichte zurückreicht, sondern auch in eine neue Zukunft weist. Ein Königsgeschenk (nicht ohne diplomatischen Hintergedanken) und ein Meisterstück europäischer Handwerkskunst, voller Lichteffekte und vielfach bestaunt, dann geraubt und verschollen, ein Mythos in seinem Glanz und seinem Verschwinden, seither fieberhaft gesucht, und doch unauffindbar, ist nun wieder aufgebaut. Was früher Monarchen taten, tun heute Bürger.
Dabei ist das Zimmer Teil eines übergreifenden Themas, das seit Jahren die russisch-deutschen Beziehungen bewegt. Selbst zwei Generationen nach 1945 fällt es schwer, eine gemeinsame und perspektivische Lösung für die im Kriege und danach verschleppten Kulturschätze zu finden. 1989/1990 waren beide Völker und ganz Europa in der Lage, die politische Landkarte des alten Kontinents auf friedliche Weise neu zu schreiben. Gegenwärtig laufen gemeinsame Kulturjahre mit einem überwältigenden Netz an Veranstaltungen, die den Partner in die eigene Welt hineinholen. Für die Kultur aber, die im Kriege so sehr gelitten hat, gibt es im Denken der Staatsführungen noch keine überzeugende Perspektive. Versöhnung ist schwieriger als manche Redewendung vermuten lässt.
In der Tat waren die Kriegsverluste ungeheuerlich. Im Osten Europas organisierten das nationalsozialistische Deutschland einen Kahlschlag, der ohne Beispiel in der Geschichte ist. Staaten und Völker sollten nicht nur physisch vernichtet, sondern auch in ihrer Identität getroffen werden. Ganze Kulturlandschaften fielen der Zerstörung zum Opfer.
Hunderttausende wenn nicht Millionen von Gegenständen aus Museen, Kirchen, Palästen, Bibliotheken und Archiven wurden geraubt oder beschlagnahmt. Von manchen hieß es höhnischerweise, sie sollten „heim ins Reich“ gebracht werden. So wurde das Geschenk der preußischen Könige an Russland zu einer blutigen Trophäe Hitlers. Bis heute sind die Forschungen nicht abgeschlossen, die die Verluste zu quantifizieren versuchen. Nach dem Krieg hat die Sowjetunion ihrerseits mit umfangreichen Beschlagnahmungen von Kulturgütern in Deutschland geantwortet. Außer jeder Frage steht, dass das Deutschland Hitlers die Haager Konvention von 1907, die die Misshandlung von Kultur im Krieg ausdrücklich verbietet, mit Füßen getreten hat. Die Gültigkeit der Konvention aber konnte durch ihre Verletzung nicht aufgehoben werden.
Bis Ende der 40er Jahre erhielten die Siegermächte beträchtliche Teile der zuvor von Hitlers Stäben geraubten Schätze zurück. Die USA übergaben über eine halbe Million sowjetischer „Items“ (davon die Mehrzahl Bücher), die in den Westzonen lagerten, zurück an die UdSSR. In den 50er Jahren restituierte Russland ca. 2/3 der von ihm konfiszierten Kulturgüter an die DDR. Danach ruhte das Thema über lange Zeit, sieht man von Einzelfällen ab. Im Blickpunkt freilich blieb das Bernsteinzimmer. Kaum ein Jahr verging, in dem nicht die abenteuerliche Suche nach ihm Schlagzeilen machte. In den beiden Deutschlands wie in der alten Sowjetunion bildet sich eine neue Legende.
Die deutsche Vereinigung veränderte die Szene. Der Freundschafts- und Partnerschaftsvertrag von 1990 zwischen beiden Ländern sieht die Rückgabe „unrechtmäßig“ verbrachter Kulturgüter vor. An gegenseitigen Versicherungen, sich darüber verständigen zu wollen, fehlte es nicht. Tatsächlich aber dividierte man sich in den 90er Jahren auseinander (obgleich in anderen Bereichen die Kooperation vertieft wurde). Pochte die deutsche Regierung auf Verpflichtungen, die sich aus dem Völkerrecht ergeben, so die russische auf die Verantwortung aus der Geschichte. Prinzip stand gegen Prinzip, ein Rechtsverständnis kollidierte mit historischer Moral. Ministertreffen und zahlreiche Kommissionen brachten keine Lösungen. Schließlich stellte Russland der deutschen Rechtsposition ein eigenes Gesetz entgegen, das Deutschland wiederum nicht anerkannte. Die Sackgasse schien perfekt. In jüngster Zeit jedoch bricht sich eine neue Pragmatik Bahn, wenngleich die Handlungsräume eng geworden sind. Der Mut von Ruhrgas, das Bernsteinzimmer wieder aufzubauen, hat ohne Zweifel dazu beigetragen. Eine Politik der kleinen Schritte gewinnt Konturen.
Privaten Initiativen kam eine Pionierfunktion zu. Mitunter waren Bürger offener als ihre Staaten. Doch greifen die Ebenen längst ineinander. Sollen Fortschritte möglich werden, müssen die Interessen beider Seiten ineinander laufen. Auf Jahre der argumentativen Abgrenzung könnte - bei einigem Optimismus - die Suche nach Lösungen von gemeinsamen Nutzen folgen. Immerhin fanden auch in der Phase des diplomatischen Stillstands über private Kanäle wertvolle Bücher ihren Weg zurück nach St. Petersburg oder nach Kiew, während von dort Bilder in die Bundesrepublik kamen. Als Beispiel sei nur eine von vielen Begebenheiten angedeutet. Angeregt durch die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers, berichtete ein heute fast 70jähriger Mann, seine Mutter, habe eine Liebesaffäre mit einem hohen Offizier der Front vor Leningrad gehabt. Dieser habe ihr als „Souvenir“ für ein Wochenende ein Aquarell mitgebracht, das die Hochzeitsfeierlichkeiten von Zar Nikolaj II. zeige. Niemand wisse, woher das Bild stamme. Im Rahmen eines Vortrags zur Geschichte des Krieges zeigte ich das Bild in Moskau. Wie elektrisiert sprang die Kuratorin von Zarskoje Selo, die unter den Zuhörern war, auf und rief, das Aquarell komme aus den Privatgemächern der letzten Zarin. Heute ist es wieder an seinem Platz.
Von außerordentlicher Bedeutung war die Entdeckung und Rückgabe des italienischen Mosaiks aus dem Bernsteinzimmer. Auch hier spielten private und staatliche Ebenen zusammen. Am 30. April 2000 nahm der russische Präsident das Mosaik persönlich entgegen. Russland wiederum ermöglichte die Ausfuhr von 101 Bremer Zeichnungen, die am Ende des Krieges aus Deutschland entführt und Anfang der 90er Jahre der Botschaft in Moskau überreicht worden waren. 2002 kehrten aus der Eremitage die ungewöhnlich wertvollen Kirchenfenster der Marienkirche von Frankfurt an der Oder zurück. Schon zuvor hatte die Bundesrepublik eine heilige Ikone der Stadt Pskow, die sich in privaten Händen befand, an den Heimatort zurückgegeben. In Novgorod wird eine während des Krieges zerstörte Kirche wieder aufgebaut. Gegenwärtig hat der russische Kulturminister seine Entscheidung mitgeteilt, Bremer Zeichnungen, die 1945 von dem sowjetischen Soldaten Viktor Baldin persönlich aus Brandenburg mitgenommen worden waren und daher nicht unter das Beutekunstgesetz fallen, an die Hansestadt zurückzuführen. Deren Kunstverein seinerseits wird sich mit der Schenkung von zwanzig Meisterwerken aus dieser Sammlung bei Russland bedanken. Die Philosophie der kleinen Schritte zeitigt Erfolge - große Schritte werden schon getan.
Im Kontext dieser Diplomatie des Goodwill kommt dem Engagement der Ruhrgas AG (jetzt E.ON Ruhrgas AG) für die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers eine Schlüsselrolle zu. So verblüffend es ist, dass hier Staaten nicht schon früher gehandelt haben, so wegweisend ist das Engagement des Konzerns. An die Stelle der Kabinettspolitik früherer Jahrhunderte treten Unternehmensstrategien. Freundschaftsgesten von einst werden zu Versöhnungsschritten von heute. Das Bernsteinzimmer als großes Gemeinschaftsprojekt. Hochachtung und Dank gebührt den Meistern der Bernstein-Werkstatt, deren Können Handwerkstraditionen in Russland freilegt, die zu den Reichtümern des Landes gehören. Niemand wird vergessen, dass das Zarenschloss im Kriege schwer gelitten hat. Dass nun aber eines seiner Glanzstücke von Russen und Deutschen gemeinsam wieder aufgebaut wird, begründet eine neue Gegenwart.