Verschwommene Person in einem weissen Raum

Zum künstlerischen Konzept der Ausstellung

„Auf dem Herbstsalon 1905 brach man vor seinen Bildern in schallendes Lachen aus; 1906 hatte man Respekt; 1907 lag man auf den Knien. Cézanne war der Mann der Stunde geworden“ – so sah der Sammler Leo Stein vor dem ersten Weltkrieg den kometenartigen Aufstieg des Meisters aus Aix. Cézanne war vom menschenscheuen Einsiedler aus der Provinz zum gefeierten Vorbild einer jungen Malergeneration in Paris geworden, die auch den Weg für seine Popularität in weiteren Kreisen des internationalen Kunstpublikums ebnete. Cézanne, gegen den Willen seines Vaters, dem wohlsituierten Hutmacher und späteren Bankier in Aix-en-Provence, erstmals 1861 in Paris Malerei studierend, war Zeit seines Lebens ein Geheimtipp für die Zunft der Maler geblieben. Allein Monet, Renoir und Pissarro erkannten in ihm das begabte Auge und außerordentliche Talent, der Freund Emile Zola hingegen seine Leidenschaft und poetische Ader.

Bereits im Jahre 1900 hatte jedoch der noch junge symbolistische Maler Maurice Denis seine unübersehbare „Hommage à Cézanne“ gemalt. Die schwarz gewandete Künstlergruppe der Nabis (Propheten) gruppiert sich auf diesem Bild aus dem Musée d’Orsay in Lebensgröße bewundernd und debattierend um ein Stilleben von Cézanne. Dieses bildet nun im Original zusammen mit der „Hommage“ den Auftakt zu der Ausstellung „Cézanne – Aufbruch in die Moderne“, die nicht allein 43 Gemälde des Meisters präsentiert, sondern darüber hinaus 21 Werke von Picasso, 14 jeweils von Matisse und Derain, acht von Braque, vier von Vlaminck und drei von Léger.

Cézanne – und sein Einfluss auf die nachfolgende Künstlergeneration

Von der heftigen, düsteren und dramatisch bewegten Malerei des jungen Cézanne ging ein starker Einfluss auf die Fauvisten, vor allem Derain und Vlaminck aus, darüber berichtet der Artikel von Peter Kropmanns. Von dem späteren Werk nach 1880, auf das die Ausstellung den Schwerpunkt legt, ließen sich die angehenden Kubisten, allen voran Picasso, Braque und Léger inspirieren; auf diesen Zusammenhang geht im Katalog Pepe Karmel ein. Ob der Meister mit dieser Aneignung seines Werkes durch die Schüler einverstanden gewesen wäre - darüber ließe sich vortrefflich streiten.

Man kann sicher zu Recht darüber räsonieren, wie dies Fred Leeman pointiert im Katalog tut, ob diese Künstler, die sich kurz vor oder kurz nach Cézannes Tod so intensiv mit seinem Werk auseinander gesetzt haben, dass die Kunstkritik schon bald den Begriff des „Cézannisme“ prägte, im Sinne der von ihnen auserkorenen Vaterfigur gehandelt haben oder ob die Aufnahme seiner Bildmotive und Malmethode nur auf einem fruchtbaren Missverständnis beruhte. Fest steht jedenfalls, dass Cézanne mehr noch als Gauguin und van Gogh, die beiden anderen Gründungsväter der modernen Kunst, einen direkten und bedeutsamen Einfluss auf die unmittelbar nachfolgende Künstlergeneration hatte, was die Ausstellung auf höchstem Qualitätsniveau anschaulich und der Katalog argumentativ belegen.

Konzeption der Ausstellung

Zwanzig von Dr. Felix A. Baumann, dem langjährigen Direktor des Zürcher Kunsthauses zusammengestellte Motivgruppen, die immer mit einem oder mehreren Hauptwerken von Cézanne beginnen, darunter Selbstbildnisse, Frauenporträts, Badende, Stilleben und Landschaften, führen den weitreichenden Einfluss des Eigenbrötlers aus Aix auf die Weltkunst vor Augen. Um nur einige der großen Reihen von Highlights zu nennen: Von Cézanne das „Selbstbildnis mit Palette“, „Der Knabe mit der roten Weste“, „Mardi Gras“, „Blaue Landschaft“, „Steinbruch Bibémus“ und „Bildnis Madame Cézanne“; von Picasso „Harlekin mit Halbmaske“, „Selbstportrait mit Palette“, „Bildnis Ambroise Vollard“ und die „Drei Frauen“ aus der Eremitage. Von Matisse „Das Boulespiel“ und „Bildnis Madame Matisse“.

Die Meisterwerke aus zahlreichen Privatsammlungen und 48 Museen der Welt, von der Eremitage in St. Petersburg und dem Puschkin Museum in Moskau über die National Gallery in Washington, das Guggenheim Museum, das Metropolitan Museum und das Museum of Modern Art (MoMA) in New York, bis zur Londoner Tate Gallery und dem Musée d’Orsay in Paris tragen dazu bei, dass nun erstmals in reicher Fülle und auf höchstem künstlerischen Niveau die grundlegende Bedeutung Cézannes für die Malerei und gesamte bildende Kunst des 20. Jahrhunderts auf überzeugende Weise anschaulich wird.

Cézanne und Picasso

Die glanzvolle Schau von Meisterwerken, kuratiert von Dr. Felix A. Baumann und dem Cézanne-Kenner Walter Feilchenfeldt, Autor des Werkverzeichnisses von Cézanne, eröffnet den Reigen großer Ausstellungen, die zu Ehren des 1906 verstorbenen Künstlers nach Essen in Philadelphia und London, Washington und Aix-en-Provence, New York und Paris, gezeigt werden. Im Unterschied zu diesen ebenfalls thematisch angelegten Ausstellungen fragt das Folkwang-Projekt nach der Bedeutung des Meisters für die ihn unmittelbar nachfolgende Künstlergeneration – auch wenn ihn die große Wirkung seiner Kunst und die Früchte, die sie bei anderen Malern hervorgebracht hat, höchst wahrscheinlich überrascht und befremdet hätten. Diese Ausstellung bildet einen außergewöhnlichen Auftakt für die umfassenden Retrospektiven, die zum 100. Todestag Cézannes im Jahr 2006 geplant sind und hebt sich doch gleichzeitig konzeptionell davon ab.

Cézanne- Aufbruch in die Moderne
Top

© E.ON Ruhrgas AG 2012