Gemälde von William Turner

William Turner, „Frieden – Bestattung zur See“, 1842

Turner – Licht und Farben

Vor 150 Jahren, am 19. Dezember 1851, starb der berühmteste Maler Englands in seiner Zeit. Aus Anlass seines 150. Todestages zeigt das Museum Folkwang Essen die erste Retrospektive seines Werkes in Deutschland.

Ein deutscher Kunstliebhaber klagte schon 1808 über die „Sorglosigkeit“, mit der er seine Bilder ausführe. Ein englischer Kritiker verglich Turner 1827 bissig mit einem Koch, der ein gutes Curry bereiten könne, doch mit seiner Vorliebe für die gelbe Farbe gleich die ganze Welt wie ein Curry-Gericht behandle. 1829 nannte ein amerikanischer Rezensent die von Turner dargestellten Dinge „Candy Jellies“, und Josef Anton Koch, der deutsche Romantiker, dachte ernsthaft darüber nach, wie herum Turners Bilder aufzuhängen seien. Selbst Auguste Renoir spottete über Turners Bilder, die er „patisserie“ nannte. Das war seltsam genug, denn gerade die französischen Impressionisten waren ungemein von Turners Malerei beeindruckt, als sie auf der Flucht vor den heranrückenden Preußen im Krieg 1870/71 nach London reisten und dort Bilder von Turner sahen. Claude Monet und Camille Pissarro begeisterte die unkonventionelle Malerei Turners, seine genaue Beobachtung der Naturphänomene, seine Formen, die immer in Bewegung schienen, und schließlich das fließende Licht in seinen Bildern.

Bewundert von Monet bis Pollock

Der Spott der Kritiker wie die Bewunderung der späteren Künstler erläutern pointiert die Besonderheiten der Kunst Turners und erweisen zugleich seine Modernität. Seine Malerei steht am Anfang eines langen Weges zur Moderne des 20. Jahrhunderts. Nach den Impressionisten entdeckten die Symbolisten das wunderbare Licht in seinem Werk, der Lichtmystiker James Ensor ließ sich von ihm beeinflussen und Henri Matisse wie Paul Signac reisten nach England und waren begeistert darüber, wie Turner die Farben in seinen Bildern einsetzte. Die amerikanischen Maler des „abstrakten Expressionismus“, Mark Rothko, Pollock oder Sam Francis hatten Turners Bilder genau studiert oder folgten ähnlichen Prinzipien der Bildkomposition.

Die Dramaturgie der Naturgewalten und des Lichtes

Turner hatte die großen Künstler des 16. und 17. Jahrhunderts studiert. Dann reformierte er die Landschaftsmalerei, die in der herrschenden akademischen Lehre immer den Historienbildern nachgeordnet war, und verhalf ihr zu gleicher Anerkennung. Bei ihm übernahmen das Licht der Sonne, die Gewalt der Naturelemente und die Farben die Dramaturgie und die Deutung im Ablauf schicksalhafter Ereignisse. Turner ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit. In vielen seiner Ölgemälde spiegeln sich die historischen Konflikte der Napoleonischen Ära wie der sozialen Veränderungen zu Beginn der technischen Revolution. Um die Dramatik der handelnden Naturkräfte noch überzeugender darstellen zu können, setzte sich Turner ihren Unbilden selbst aus. Es wird berichtet, dass er sich an den Mast eines Schiffes habe binden lassen, um die Fürchterlichkeit eines Sturmes unmittelbar erleben und erleiden zu können. Und nicht weniger als die tosende See liebte er die Unwirtlichkeit der Gebirgswelt. Auf beschwerlichen Reisen durch die Alpen zeichnete er unermüdlich.

Vollendet unvollendet

Zwischen 1817 und 1845 überquerte Turner, so oft er nur konnte, den Kanal, um zwischen Kopenhagen und Neapel, Paris und Prag den Kontinent zu bereisen. Er hatte sich als junger Künstler zunächst im Aquarellieren geschult, bevor er zu malen begann. Auf seinen Reisen sammelte er die Motive, die er im Aquarell zu vollendeter Bildwirkung brachte. Turner revolutionierte die Technik der Aquarellmalerei und hob ihr Ansehen damit weit über das von den Dilettanten bevorzugte Darstellungsmittel, hinaus. Zahlreiche „watercolours“ entstanden im Auftrag für Publikationen „pittoresker“ Ansichten von europäischen Landschaften oder als Illustrationen für literarische Werke. Wenn sie in Druckgrafik übertragen wurden, überwachte Turner streng die Arbeit. Schließlich erwarb er sich im Aquarellieren jene Freiheit in der Behandlung des Lichtes und der Farbe, die es ihm auch in den Gemälden erlaubte, sich zugunsten des gesteigerten Ausdruckes der Dinge von der Naturwirklichkeit zu entfernen. Diese Freiheit irritierte seine Kritiker und erfüllte seine Bewunderer mit Erstaunen. Noch heute lässt sich gut darüber diskutieren, ob viele der Bilder, die nach seinem Tod im Atelier gefunden wurden und unvollendet geblieben waren, nicht doch im Blick unseres an der Moderne geschulten Auges als „vollendet“ betrachtet werden können.

Erstmals in Deutschland

So berühmt und bedeutend Turners Werk ist, so wenig ist es doch auf dem Kontinent in Museen zu sehen und in Ausstellungen gezeigt worden. In den vergangenen Jahren wurden einzelne Aspekte seines Werkes, vor allem seine Aquarelle mit den Motiven seiner Reisen in die Schweiz oder an den Rhein vorgestellt. Eine Überblicksausstellung, wie 1984 in Paris oder 1996 in Canberra und Melbourne, ist in Deutschland bisher nicht gezeigt worden. Die Ausstellung im Museum Folkwang Essen gibt erstmals in Deutschland einen Überblick über das gesamte Schaffen Turners. Mit nahezu 200 Werken zeigt sie alle künstlerischen Medien Turners: Malerei, Aquarell, Skizzen und Drucke.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Tate Gallery London entwickelt und von einem der besten Kenner des Werkes von Turner, Andrew Wilton, zusammengestellt worden. Die Tate Gallery leiht viele auch selten zu sehende Bilder und Aquarelle zur Ausstellung nach Essen. Dazu werden Meisterwerke aus der National Gallery London gezeigt, aus Museen in Aberdeen, Lincoln, Edinburgh, aus zahlreichen Museen in den USA – aus Cleveland, Philadelphia, Boston, Baltimore, Indianapolis, New York, Washington DC – aus Museen in Neuseeland und Südafrika, aus Luxemburg, Ottawa, Nantes und München und aus zahlreichen privaten Sammlungen.

Die Ausstellung wird in bewährter Partnerschaft mit der Ruhrgas AG (jetzt E.ON Ruhrgas AG) aus Anlass ihres 75. Firmenjubiläums gezeigt.
Der Katalog zur Ausstellung bildet alle Werke ab, die von Andrew Wilton kommentiert werden.

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